Friedrichsgemeinde Worms
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Die Fassenachtspreddischt in Hochdeitsch

Fastnachtspredigt in Coronazeiten

In der Hochdeutsch-Fassung können leider nicht alle Reime erhalten bleiben, die in der Wormser Mundart-Fassung enthalten sind.

 

Willkommen zum Gottesdienst online!
Das soll eine echte Fastnacht sein?

 

Ich würde so gern auf der Kanzel stehen,
und Euch meine Fastnachtspredigt erzählen!

 

Das hat uns doch immer so einen Spaß gemacht!
Aber nein! Die Fastnacht, die ist abgesagt.

 

Kein Umzug wird durch Mainz jetzt ziehen,
keine Bonbons, keine Sträußchen fliegen!

 

Kein Mensch, der dumme Witze macht,
der schunkelt und singt und fröhlich lacht.

 

Kein Schlips wird dieses Jahr abgeschnitten,
es gibt auch kein Küsschen – da kannst Du noch so sehr bitten!

 

Wie soll das auch gehen mit soviel Distanz?
Mit zwei Metern Abstand versuch mal einen Tanz!

 

Am Unterrhein ist es auch nicht viel besser,
Köln-Düsseldorfer Karneval – das kannst Du vergessen!

 

Ja, selbst in Rio ist kein Caramba,
da tanzt in diesem Jahr keiner den Samba.

 

Nichts ist erlaubt. Alles verboten!
Abstand und Maske sind jetzt geboten.

 

Tja, Corona hat die Fastnacht
schon überall kaputt gemacht.

 

Soll ich meine Schorle daheim jetzt genießen
und ein paar Fastnachtstränchen vergießen?

 

Nein! Wir lassen uns das nicht verbieten.
Wir bleiben fröhlich – ganz entschieden!

 

Nicht alles ist abgesagt,
nicht alles hat Corona kaputt gemacht!

 

Zwar ist keine Sitzung, kein Umzug nicht,
wir feiern aber jetzt im Internet!

 

Drum hört meine Predigt im vollen Glanze(l)
online – wenn schon nicht von der Kanzel.

 

60 Tausend Tote sind zu beklagen.
Da darf sich keiner ein bisschen wagen,

 

auch nur den kleinsten Witz zu machen.
Das Leid, die Tränen sind nicht zum Lachen!!

 

Ich will Euch auch nicht zum Lachen bringen,
Hoffnung will ich Euch machen – vor allen Dingen!

 

„Corona“, das heißt nämlich Krönchen, Ihr Leute!
Hört zu, das das noch alles bedeutet!

 

Habt Ihr denn bis jetzt gewusst,
dass „Corona“ auch ein Fahrrad ist?

 

Und was denkt Ihr, wenn Ihr so ein Fahrrad seht?
Genau: Raus in die Natur, dass sich das Rädchen auch dreht!

 

Wo ist denn Dein Drahesel? Steht nur im Keller rum?
Dann raus mit ihm – und fahr mal um die Ecken herum!

 

Vielleicht auch gleich ein bisschen weiter,
ins Wäldchen vielleicht, oder noch gescheiter:

 

nach Pfeddersheim oder an den schönen Rhein,
da wird’s Deinem Gemüt gleich besser sein!

 

Der blaue Himmel, die frische Luft,
vielleicht auch ein bisschen Frühlingsduft:

 

da wird Dein Herzchen gleich heiter und froh,
und dem Körper tut’s gut – das sowieso!

 

„Corona“ ist auch eine Erdbeersorte!
schön saftig, schön süß und herrlich rot!

 

Gleich läuft einem das Wasser im Mund zusammen:
Erdbeeren mit Eis und Sahne zusammen!

 

Da könnt ich mich total vergessen
Im Sommer Erdbeeren und Spargel essen ...

 

Drum freut Euch jetzt im Winter schon drauf:
Bald machen die Spargelhäuschen wieder auf!

 

Der Spargel und die Erdbeeren, die wachsen,
auch wenn wir noch im Lockdown sitzen!

 

Drum träum von den Erdbeeren, vom Spargel, vom Sommer
und schon ist es besser mit Deinem Kummer!

 

Was jetzt kommt, ist nicht ganz jugendfrei,
aber es gehört ja auch dazu:

 

Für’s Saufen mach ich ja keine Reklame;
aber es gibt ein Bier mit „Corona“ im Name.

 

Und eins von den Fläschchen fröhlich zu pflücken,
das kann einen Menschen so richtig beglücken.

 

Wenn wir auch sonst auf vieles verzichten,
das Coronabier, das können wir locker vernichten.

 

Und – falls Du das auch noch nicht weißt:
Es gibt sogar eine Zigarre, die Corona heißt!

 

Die wissen schon, die Mexikaner,
was gut ist – ganz wie die Cubaner!

 

Jetzt aber Schluss mit den leiblichen Genüssen,


wir werden jetzt mal geistlich werden müssen!

 

Wenn Ihr das nächste Mal „Corona“ hört,
es gibt auch eine Heilige, die so wird verehrt!

 

Im zweiten Jahrhundert ist es gewesen,
da war die Corona erst 16 gewesen.

 

Den Göttern zu huldigen, wollt man sie zwingen,
aber da fing sie an, zu beten und zu singen,

 

und hat zu den Peinigern standhaft gesagt:
„Meinem Christus abschwören? Das wird nicht gemacht!

 

Mein Christus ist meine Krone allein,
nur den bete ich an, ansonsten keinen!“

 

Da haben die Peiniger das Mädchen geschlagen,
und umgebracht – wie, das will ich Euch ersparen!
[1]

 

Seitdem ist „Corona“, das tapfere Kind,
Schutzpatronin für all die, die in Nöten sind.

 

Sie schützt all die mit ihrer Kraft und Huld,
die Durchhaltekraft brauchen und viel Geduld.

 

Sie soll auch gegen Seuchen schützen,
– ach, würde sie uns doch auch jetzt unterstützen!

 

Jetzt sind wir ja brave Evangelische,
und haben es nicht so mit den Heiligen.

 

Aber wenn die Katholiken sich mit uns verbünden,
und im Dom für uns alle ein Kerzchen entzünden,

 

dann wäre das doch eine großartige Sache,
wenn die Corona dem Corona den Garaus machte.

 

Jetzt aber wird es musikalisch,
passt auf, das ist phänomenalisch!

 

Habt Ihr bisher denn schon gewusst,
dass Corona ein echtes Notenzeichen ist?

 

Mit diesem Krönchen werden Stellen markiert,
an denen im Musikstück grad gar nichts passiert!

 

Alle Musikanten und auch alle Sänger
müssen warten – mal kurz, mal ein bisschen länger.

 

Allein der Dirigent, der gibt’s dann an,
wenn‘s wieder weitergehen kann.

 

Das Ding heißt Corona oder Fermate[2],
und gibt’s in Sonate und jeder Kantate.

 

Alle einmal anhalten ... bis es weitergeht,
dann, wenn der Chef mit seinem Taktstock weht.

 

Merkt Ihr die Parallele zu unseren Zeiten?
Wie’s uns grad geht – eigentlich allen Leuten?

 

Alle müssen anhalten und geduldig warten,
bis unser Leben wieder neu darf starten.

 

Wir wissen doch: Maske um den Mund gemacht,
Abstand und Daheim-Bleiben ist jetzt angesagt!

 

Da hilft uns kein Meckern und auch keine Empörung,
schon gar nicht das Geschwätz von einer Verschwörung!

 

Der große Dirigent hat – aufgepasst!
uns allen eine Nachdenkpause verpasst!

 

„Seid Ihr dann noch normal, Ihr Menschenkinder?
Ihr rennt durchs Leben wie eine Herde Rinder.

 

Ihr dreht Euch um Euch selbst im Kreise,
immer geht’s nur um Geld, um Urlaub, um Reise.

 

Das schnellste Auto, der größte Computer,
das neueste Handy, der beste Router.

 

Schneller und höher und weiter soll‘s sein,
jetzt kriegt Euch doch endlich mal wieder ein!

 

Guckt Euch mal um, wie es da aussieht da unten,
auf Eurer Erde geht es doch drüber und drunter!

 

Die Völker bekämpfen sich bis auf’s Messer,
und die Religionen, die sind auch nicht besser!

 

Weltweit verhungern, verdursten die Leute,
und Euch bekümmert das Ganze keinen Deut.

 

Es wird betrogen, bestochen und belogen,
und die Guten haben den Schwarzen Peter gezogen.

 

Der Sonntag ist zum Juxtag verkommen,
Ihr habt Euch selbst die Besinnung genommen!

 

Die Menschen werden krank an Leib und an Seele,
weil Anstand und Herzlichkeit überall fehlen.“

 

Corona hat erst mal die Handbremse gezogen!
Die Hektik, der Trubel sind erst mal verflogen.

 

Ihr Lieben, habt Ihr Euch nicht auch schon gedacht: Echt!
So ein bisschen mehr Ruhe ist gar nicht so schlecht.

 

Jetzt kann ich in Ruhe zur Besinnung kommen,
einmal nachdenken, innehalten, durchatmen können!

 

So mancher hat das Aufräumen angefangen,
das, was in den Ecken liegt, das wollte er schon lange!

 

Der Keller, der Speicher und die Krempelschublade,
alles wird schön, wird ordentlich und gerade!

 

Genau das, Ihr Lieben, sollten wir auch in uns machen,
in diesen geduldigen, langen Tagen.

 

Mal Aufräumen im Oberstübchen,
in der Seele und auch im Herz, dem hübschen.

 

Werft allen alten Krempel raus,
den Stress, die Wut, die Hektik – hinaus!

 

Lasst auch einmal ein paar Tränen zu
und kommt im Herzen mal zur Ruh‘.

 

Wie schön ist es doch, einen Brief zu lesen,
oder zu schreiben – wie lang ist das her gewesen!

 

Mal auf dem Klavier, auf der Flöte einen Versuch,
oder einfach nur mal ein gutes Buch!

 

Corona hat uns so viel genommen,
doch vieles wird auch wieder kommen!

 

Wenn dann Corona kommt zum Ende,
dann ist das vielleicht für uns alle die Wende.

 

Wir werden uns wieder fröhlich umschlingen;
wir werden wieder lachen und singen.

 

Das Café, der Friseur, die Wirtschaft haben offen
und können wieder auf Einnahmen hoffen.

 

In der Friedrichskirche wird wieder gesungen,
die herrlichen Lieder mit Herz und mit Lunge.

 

Ich darf auch auf meine Kanzel wieder rauf,
da freue ich mich ja jetzt schon drauf!

 

Die Hektik, den Streit und all die Bossen,
die müssen wir dann vergangen sein lassen.

 

Nicht gleich wieder losrennen wie die Blöden.
Nachdenken! Langsam machen im Tun und im Reden.

 

Der Lockdown, das Aufatmen hat uns Ruhe gebracht,
unsere Luft, unser Wasser wieder sauberer gemacht!

 

Wer auch immer die Fermate gesetzt,
zum Umdenken die Zeit, die haben wir jetzt!

 

Der Neustart muss, soll er was bringen,
mit Umkehr und Rücksicht und Demut beginnen.

 

Wir kehren in den Alltag zurück mit Bedacht
und geben jetzt besser aufeinander acht.

 

Auf die die Pflanzen, die Tiere, die Luft und das Meer,
auf die Armen, die Traurigen, die Einsamen noch mehr!

 

Der Mensch sei Corona, die Krone der Schöpfung,
so schreibt die Bibel voller Hoffnung.

 

Der Name soll jetzt Losung sein:
Wer herrschen will, muss Diener sein
[3]!

 

Das machen wir jetzt alle zusammen!
Und statt Helau sage ich jetzt „Amen.“

© Dorothea Zager
Nachdruck nur mit Genehmigung
und Nennung der Verfasserin

 

[1]

   Angaben über das Leben der Corona sind nicht historisch fassbar, sondern lediglich in verschiedenen Legenden überliefert. Der Tradition zufolge soll die Frau mit dem Beinamen Corona zur Zeit der Christenverfolgungen das Martyrium im Alter von 16 Jahren gemeinsam mit dem ebenfalls heiliggesprochenen Soldaten Victor von Siena erlitten haben. Während dieser gemartert wurde, soll die als Braut eines seiner Kameraden vermutete Corona ihn getröstet und ermutigt haben. Als sie von dem ägyptischen Statthalter Sebastian aufgefordert wurde, den römischen Göttern zu opfern, soll sie geantwortet haben: „Ich werde Corona genannt und du möchtest mich überreden, meine Krone (corona) zu verlieren?“ Darauf wurde sie festgenommen und hingerichtet, indem man sie mit Händen und Füßen an zwei herabgebogene Palmbäume fesselte, um sie beim Losbinden der Bäume auf grausame Weise in Stücke reißen zu lassen. (Quelle: Wikipedia)

[2]

   „Also wird von den Italienern dieses Zeichen genannt, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen oder eine Pausam generalem bedeutet.“ (Johann Sebastian Bach)

[3]

   Markus 10,43.

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