Friedrichsgemeinde Worms
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Der Vorhang im Tempel

Diese Passionsandacht können sie hier auch als Videoandacht ansehen.

Lesung

 

Im Markus-Evangelium endet der Bericht über Jesu Kreuzigung mit den Worten:

 

„Aber Jesus schrie laut und verschied. Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

(Mk 15,37-39)

Was hat es mit dem Tempelvorhang auf sich, der auch zu den „Arma Christi“ zählt?

 

Um zu verstehen, welche Bedeutung dem Zerreißen des Tempelvorhangs zukommt, müssen wir uns zunächst eine Vorstellung von dem Tempel in Jerusalem machen.

Zunächst einmal unterscheidet man zwischen dem Ersten und dem Zweiten Tempel. Der Erste oder Salomonische Tempel wurde 586 v. Chr. durch die Babylonier zerstört. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil wurde um 515 v. Chr. der Zweite Tempel erbaut, der nach mehreren Umbauten schließlich unter König Herodes dem Großen eine starke Erweiterung erfuhr, weshalb man auch vom Herodianischen Tempel spricht. Dies war der Tempel zur Zeit Jesu, der 70 n. Chr. im Zuge des Jüdisch-römischen Kriegs von den Römern zerstört wurde.

Nun zum Tempelvorhang!

Im Jerusalemer Tempel gab es nicht nur einen Vorhang, sondern derer zwei. Der äußere Vorhang diente dazu, den Vorhof vom Tempel abzugrenzen und damit den Bereich des Profanen vom Bereich des Heiligen. Kultisch bedeutsamer noch als der äußere Vorhang war der innere, der das Heilige vom Allerheiligsten abgrenzte. Im Tempelraum des Heiligen befanden sich die Leuchter, der Schaubrottisch und der Räucheraltar. Das Allerheiligste beherbergte die Bundeslade.

Nach der biblischen Beschreibung handelte es sich hier um eine mit Gold überzogene Truhe, versehen mit zwei Tragestangen. worin sich die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten befunden haben sollen. Über dem Deckel der Truhe thronten zwei Cherubim, die schützend ihre Flügel darüber ausbreiteten, während dazwischen die Herrlichkeit Gottes erschien. Nur einmal im Jahr am Großen Versöhnungstag, dem Jom Kippur, war es allein dem Hohenpriester gestattet, den inneren Tempelvorhang zu durchschreiten, um Opferblut zur Versöhnung auf den Deckel der Bundeslade zu sprengen. Und um diesen inneren Tempelvorhang geht es im Kreuzigungsbericht.

Welche Botschaft sollte mit dem Zerreißen des Tempelvorhangs vermittelt werden? Zum einen wird damit gesagt: Der Tempel ist – wie von Jesus bereits angekündigt – der Zerstörung preisgegeben. Zum anderen – dies ist für uns das Entscheidende: Mit dem Zerreißen des Tempelvorhangs wird der Zugang zu Gott eröffnet für alle. Die Trennung zwischen profan und heilig, zwischen Priestern und Laien, zwischen Juden und Heiden ist hinfällig geworden.

 

Gottes Versöhnung mit uns Menschen bedarf keiner Opferrituale mehr.

Was hier im Bild des Zerreißens des Tempelvorhangs vor Augen gemalt wird, hat der Apostel Paulus mit den folgenden Worten in seinem Brief an die Gemeinden in Galatien zum Ausdruck gebracht: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,26.28)

Darum gibt es auch in der evangelischen Kirche keinen von Laien abgehobenen Priesterstand. Wir alle haben in gleicher Weise den Zugang zu Gott. Das meint Luther mit dem „Priestertum aller Gläubigen“. Dem Sich-Rühmen eines Menschen gegenüber seinem Mitmenschen ist damit der Boden entzogen.

Gebet

 

Herr, unser Gott. Wir alle sind deine geliebten Kinder und untereinander Brüder und Schwestern. Ermutige und bestärke uns darin, dies auch überzeugend zu leben, damit dein Reich unter uns Gestalt annehme und dein Wille geschehe – zum Wohl aller deiner Menschenkinder und zu deiner Ehre. Amen.

 

Jesus Christus, Du gehst durch Leiden und Tod; denn Du glaubst an das Leben. Lass uns mit Dir auferstehen. Amen.

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